Die Zeit verrinnt. 2415 nL schrieb man in Cuanscadan, als das Quellenbuch erschien. Die Gegenwart sieht älter aus, genau genommen um sechs Jahre älter. Man schreibt das Jahr 2421 nL. Das ist insoweit gut, weil die Geschichte sich in einem steten Fluss bewegt, dynamisch ist und nicht statisch. Auch das macht ein Rollenspiel interessant, denn die Abenteurer werden Teil der Geschichte, indem sie diese verändern können oder zu verändern suchen. Sie schreiben Geschichte(n).

Dem gegenüber steht eben ein Quellenbuch wie „Cuanscadan“, das viele Sachverhalte festgeschrieben hat. Da wird Birkin Pfeifenkraut seit Jahr und Tag von seiner Pinabell gestriezt. Da toben Fion und Keane, des Müllers Söhne, ewig jungenhaft durch den Schober. Und da ist Biogha die hübsche Schankmaid wie eh und je, eben unvergänglich schön. Aber stört das jemanden? Nein, erst einmal nicht. Die genannten und die Mehrzahl der übrigen Persönlichkeiten aus der Stadt stehen immer beispielhaft für die nicht aufgeführten Bewohner. Und wenn der Spielleiter es plausibel macht, dann standen sie 2415 auf der Straße und begrüßten mehr oder weniger freundlich die Abenteurer – und sie tun es 2421 wieder.

Darüber hinaus aber steht es natürlich frei, die Bewohner mit den Abenteurern altern zu lassen. Der Müller ist tot, es leben Fion und Keane, die längst flügge geworden sind und ihr Glück als geschäftstüchtige oder lebenslustige Müller suchen (war Keane nicht schon als Lausbub der, der‘s faustdick hinter den Ohren hatte?) Und Biogha – die ist längst … nein, nicht unter der Haube, sondern Eigentümerin einer viel gepriesenen Laube schräg gegenüber der Taverne „An Cruachanach Sean“, in der sie noch vor wenigen Monden vom Wirt herumgescheucht wurde.

Wo aber lässt sich die Geschichte weiterschreiben, ohne dies und jenes aus dem Quellenbuch zu widerrufen, neu zu schreiben, umzudeuten? Im Fürstenhaus meinethalben, auf der Burg. Das ist recht überschaubar, beides ist auch bedeutend genug, dass die Leben dort weiterverfolgt werden sollten. Wenn die Abenteurer in früheren Jahren ein erstes Mal Cuanscadan aufgesucht haben, dann tut der Spielleiter doch gut daran, die Wege der wichtigen Personen fortzuschreiben.

Über die Charaktere hinaus, die mittlerweile als ergänzendes Klientel zum Quellenbuch auf dieser Seite beschrieben wurden, bietet es sich also an, die Geschicke einiger (vielleicht weniger) Personen näher zu betrachten. Das Fürstenhaus mit allen Insassen habe ich bereits genannt, was aber wurde aus Mealltachin, der zweiten Hand der „Wahren Schwarzen Schatten“ – ist sie nicht längst der Kopf der Bande, hat sie Rosbéal nicht so straff um ihre zarten Finger gewickelt, dass ihm die Luft weg blieb? Und was ist aus Uilliam geworden, dem sagenhaften Klangmeister aus der Bardenschule, der war doch schon in jungen Jahren alt – lebt der etwa noch? Und wer ist dann sein Nachfolger?

Gut möglich, dass die Geschichte Cuanscadans genau bei ihnen fortgeschrieben wird – oder doch bei anderen? Mit Fingerspitzengefühl jedenfalls, denn Cuanscadan muss nicht neu erbaut werden, aber doch soweit, dass ein erneuter Besuch einige Jahre später zu einem aufregend neuen Erlebnis wird. Denn aus den Geschichten, die an den einzelnen Menschen der Stadt festgemacht werden können, entwickeln sich die Ereignisse, geschieht etwas, was spannende Abenteuer versprechen kann.

Wer sich alteingessener Bewohner annehmen will, der soll sich also nicht scheuen.

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