Manfred ist tot.

Manfred starb am 24. August 2020. Manfred wurde 64 Jahre alt. Seine Schwester Christine entschlief nach langer Krankheit einen Tag zuvor. Manfred wohnte in Haintchen im Taunus. Es ist Jahrzehnte her, dass mich meine Füße zum ersten Mal in dieses kleine Dorf im Taunus trugen. Nun gibt es für mich keinen Grund mehr, nach Haintchen zu fahren. Manfred ist tot.

Tage grübele ich über einen Nachruf. Bezeichnend, dass ich bis jetzt nicht die richtigen Worte finden kann. Überhaupt war es für mich oft nicht einfach, die richtigen Worte zu finden mit Manfred, später war dies sogar schwer.

Lass es mich jetzt versuchen, Manfred. Ich habe lange nicht geweint, nachdem ich von Deinem Tod erfuhr. Heute Morgen, als die Sonne aufging, lag ich im Bett, dachte über Dich und mich nach, und mir liefen die Tränen. Nun also ist die Zeit gekommen, Dir einige Worte zu sagen, die für mich wie die richtigen Worte klingen.

Wir haben eine lange gemeinsame Geschichte, die 1975 begann und mit FOLLOW, der »Fellowship of the Lord of the Lands of Wonder«, zu tun hat. In Friedberg traten wir gemeinsam in die »Bruderschaft der Magier« ein, und wie es so üblich war, wurden wir »eingetreten«. Eine handfeste Beschreibung für eine nette Geste, um die Mitgliedschaft in diesem Verein zu besiegeln. Elsa & Jürgen erledigten den Fußtritt.

Fürderhin zogen wir meist gemeinsam zu Cons, besuchten die Feste in Marburg und Gumattenkirchen, wo wir auf dem Bauernhof von Elmars Eltern übernachteten, standen gemeinsam »an der Platte«. Ich weiß noch, wie Du mir bei den Kämpfen (nicht nur in Gumattenkirchen) zum 1. Speer von Magira Dampf gemacht hast, wenn der gegnerische Speer mir um die Ohren flog. Du hast ihn eingesammelt und mir in die Hand gedrückt. Den Titel habe ich dann wirklich eingesackt. Ein Paradebeispiel, wie wir damals vieles Hand in Hand gemacht haben.

Gemeinsam sind wir dann zu Elsa & Jürgens Clan gewechselt, zu den Schlangen. Für Nichteingeweihte: Die Kultur ist getränkt mit irisch-mythologischem Einschlag – auch eine Liebe, die wir irgendwie teilten. In Follow 100 guckte ich vorhin nach, wann Du zum ersten Mal etwas in Follow veröffentlicht hast. »Follow-Beilage 1: Manfred Roth – Erebia«. Gleich darunter folgt in Follow 51 mein erster veröffentlichter Beitrag: »Träume sind Schäume«. Gemeinsam fingen wir an. Gemeinsam spielten wir an Silvester ’77 zum ersten Mal Rollenspiel bei Elsa und Jürgen …

Wir begeisterten uns gemeinsam für Fantasy und Science Fiction, das Spielen mit der Phantasie, das sich Einfinden in fremde Welten, Kulturen, Lebewesen. Wir spielten Armageddon und Ragnarök, und später nahm ich jahrelang an einer von Dir geleiteten Ragnarök-Runde teil. Du warst bei Petras und meiner Hochzeit, hast gemeinsam mit uns gefeiert.

Bis sich die Zeiten änderten. Für mich jedenfalls. Wir sahen uns seltener. Die Cons wurden rarer, zu denen wir gemeinsam fuhren. Manchmal sammelten Petra und ich Dich in Haintchen ein und fuhren dann zu kleinen, eher privaten Cons bei Elsa & Jürgen. Manchmal noch ludest Du zu Cons ein. Auch diese Treffen wurden seltener.

Wir unterhielten uns über Fußball. Deine Leidenschaft für den BVB ist mir bis heute unverständlich – das muss ich als FC-Fan natürlich sagen. In unseren ersten gemeinsamen Jahren waren deren Duelle ja noch ausgeglichen, seit etlichen Jahren aber sind die Gewichte ungleich verteilt, und während Du deinen schwarz-gelben Schal locker um den Hals schlängeln konntest, hätte ich meinen eher um die Augen binden müssen, damit ich das FC-Elend nicht mitansehen muss.

Jack Vance mochtest Du. Ich auch. Willie Nelson haste gehört. Passt. Western liefen bei Dir ganz gut – mein Lieblingsfilm ist »The Searchers«, und ohne dass wir dies ausgesprochen haben, stand der sicher bei Dir auch weit oben auf der »Mag-ich-Liste«.

Ach, die Listen! Was Du in Deinen Spezialgebieten nicht aus dem Stand gewusst hast, hattest Du in Listen notiert. Du hast hier und dort so viel gewusst, dass Du uns eines Tages die richtig alte Ausgabe von »Trivial Pursuit« geschenkt hast. Entweder waren die Fragen zu banal-doof, oder zu simpel. Was will einer wie Du mit sowas Langweiligem.

Ob Du jemals Langeweile hattest? Ich weiß es nicht. Ich weiß so wenig von Dir. Und meine Energie schwand im Laufe der Jahre immer mehr, mit Dir zu reden. Eine Zeitlang, Ende der 80er-Jahre, besuchte ich Dich nach meiner Arbeit beim Gesundheitsamt in Diez, ein Katzensprung nach Haintchen. Dein Vater lebte zu der Zeit schon lange nicht mehr. Maurer war er, und wieder eine Gemeinsamkeit, denn auch mein Vater war Maurer. Beide starben, bevor sie 60 Jahre alte werden konnten. Immerhin, Manfred, haben wir beide unsere Väter überlebt. Deine Mutter, die ich immer als sehr herzliche Frau erleben durfte, ging dann auch zu früh. Wenn ich in jenen Tagen nach der Arbeit bei Dir reinschaute, saßen wir beisammen. Damals nistete sich bei mir das Gefühl ein, das wir so etwas wie eine »echte Männerfreundschaft« führten, aber nicht eine »wahre Freundschaft«. Wir redeten ein wenig über dieses und jenes, und am Ende hätte der gemeinsame Monolog wie folgt ablaufen können:
»Ich fahr dann«.
»Ist gut.«

Da fehlte etwas. Mir jedenfalls. Ich habe es nie angesprochen, aber die Männergespräche waren oberflächlich, drehten sich eben um »dieses und jenes«, aber niemals über uns, was uns berührt, was wir empfinden, wie wir uns fühlen. Der Unterschied von Gesprächen zwischen Kumpels zu Gesprächen mit wahren Freunden. Ob Du das anders siehst? Keine Ahnung, auch darüber sprachen wir nie. Das war nicht Dein Fehler, das war unsere Art, miteinander umzugehen. Das bedauere ich heute zutiefst, wiewohl ich weiß, dass ich nicht die nötigen Schritte getan habe, um das zu ändern. Womöglich habe ich dies gescheut, womöglich, weil ich eine Zurückweisung nicht erfahren wollte.

Zu meinem 40. Geburtstag habe ich Dich zu uns nach Hause eingeladen. Du kamst, es war der letzte Besuch bei uns, den ich in Erinnerung behalten habe, obgleich Du uns in späteren Jahren noch einige Male besucht hast. Da gab es nämlich noch ein großes gemeinsames Projekt, das wir gemeinsam geschultert haben. »Cuanscadan«, das Quellenbuch zu MIDGARD.

Für mich war ziemlich schnell klar, dass ich das mit Dir gemeinsam meistern möchte, und Du sagtest zu. Ich bin sicher, auch Du hattest Deinen Spaß daran, und wir konnten »Cuighel, den Goldschmied« in die Stadt reinschmuggeln, und Lugh und Michaíl, die beiden Fischer, oder den Netzemacher Ganteros. Und als Padraigh, Fürst Amhairgins ältester Sohn, nach der Feier zum 15. Lebensjahr ein Jahr in der Obhut fern der Heimat erleben musste, war klar, dass dies nur am Hofe von Corrabheinn, dem Rí von Cruachan, sein konnte. So eng empfand ich unsere Verbindung …

Und die Texte zu Cuanscadan flutschten nur so; wir saßen zusammen, am Tisch, auf dem Boden, bei Dir, bei uns, und schnippelten hier und da an den Formulierungen, bis wir ein rundes Buch mit viel Erainn gemeinsam auf die Beine gestellt hatten.

Und zuletzt mussten wir Elsa beichten, dass wir weit übers Ziel hinausgeschossen waren und der Umfang zugenommen hatte wie nur was.

… und dann geschah es. Ich hatte die Schnauze voll. Du musst diese harte Formulierung nicht verstehen. Aber etwas ging in mir zu Ende. Kleine Vorgänge in den vielen Jahren zuvor, kleine Begebenheiten summierten sich zu einem großen Ganzen, und mit den letzten Arbeiten zu Cuanscadan lief das Fass für mich über. Ich war nicht mehr bereit, Deine Art des Umgangs mit mir zu akzeptieren. Dass Du ein Brummbär gewesen bist, weißt Du hoffentlich selbst. Kann ich mich an ein Lachen von Dir erinnern?

Mir fehlten damals dann die Kraft und auch der Wille, dies als Deine Wesensart wertzuschätzen.

Ich sprach nie mit Dir darüber. Warum – das weiß ich heute nicht, will ich das heute wissen? Die gegenseitigen Besuche wurden jetzt nicht seltener, sondern richtig selten. Wir sahen uns noch manches Mal, wenn wir zur selben Zeit Elsa & Jürgen besuchten, einige Jahre lang feierten wir noch zusammen Silvester. Das war’s.

Die postalischen Briefe, die wir in den frühen Jahren geschrieben haben – so es denn überhaupt nötig war, denn wir sahen uns ja alle Nase lang –, waren längst gestorben, wir tauschten nun E-Mails aus. Du hast mich konstant mit den »Schlangenschriften« versorgt. Obwohl sich unsere Wege auf Magira getrennt hatten – ich hatte in einer endgültigen Aktion Cuanscadan auf Magira eingeäschert –, blieb ich durch Dich mit FOLLOW immer verbunden, während Du nach wie vor FOLLOW intensiv gelebt hast, so wie ich das in der Rückschau sehe.

Vor wenigen Jahren schrieb ich ein Wanderbuch zu Taunus und Rheingau. Wir wussten damals beide, wie nahe vor Deiner Haustür ich dabei herumwandere. Ich habe Dich nicht besucht. Auch darüber sprachen wir nicht. Die Luft war raus, die Verzweigung, an der sich unsere Lebenswege trennten, lag weit hinter uns. Zu weit für mich. Wir kamen nicht mehr zusammen. »Gemeinsam« war gewesen.

Jetzt bist Du gegangen.

Eines Tages werden unsere Wege sich wieder kreuzen, und dort, in Emhain Abhlach, werden wir gemeinsam auf einer immergrünen Wiese sitzen, und ich werde einen leckeren Whiskey dabeihaben, und Du wirst uns etwas singen.

Und von mir aus kannste dann auch diesen schrecklichen schwarz-gelben Schal um Deinen Hals wickeln und mir das letzte Ergebnis vom BVB gegen den FC ins Ohr knurren!

Und – versprochen! – dann scheiße ich auf Corona, rücke wieder näher zu Dir – nein, ich nehme Dich in die Arme, was wir niemals getan haben. Heute aber weiß ich nur, dass das Leben zu kurz ist, um nicht miteinander zu reden, und dass die Chance irgendwann vergangen ist. Und dann bleibt nur wie jetzt bei diesen letzten Worten, endlich: Rotz und Wasser heulen.

 

Do neuch as maith and Serve the Serpent, mein lieber Freund!

 

 

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