Einrí, der junge Spund, treibt sich zumeist am Hafen herum, wo ihn mittlerweile jeder kennt. Das alleine aber macht ihn für eine Abenteurergruppe nicht interessant, vielmehr imponiert er durch sein profundes Wissen über die Schiffe, denen Cuanscadan als Ziel dient. Wer also Informationen über einen erwarteten Segler braucht oder wissen will, was der Lastkahn gewöhnlich geladen hat, der sollte sich an Einrí wenden.


H45 Seefahrersohn.

Einrí, angehender Spitzbube – Grad 1

(Wohnort Rasterkarte: K19)

Auf eines kann der junge Einrí am allermeisten verzichten: auf Mitleid. Doch das bekommt man in den schmutzigen Gassen, durch die Einrí humpelt, genauso wenig geschenkt wie das sorgenfreie Leben, das ihm bis jetzt verschlossen blieb. Oft sitzt er selbstvergessen am Kai, schaut wehmutsvoll den davonsegelnden Schiffen nach und träumt davon, zur See zu fahren wie sein Vater. Was würde er hergeben, um einmal den „Golf der Blauen Wellen“ zu queren und dabei in der Takelage zu hangeln wie ein wendiger Kletteraffe und das „Meer der Fünf Winde“ hoch oben vom Krähennest aus zu sichten, während ihm die Gischt das salzige Wasser ins Gesicht spritzt.

Aber von seinen Wünschen ist er ebenso weit entfernt wie von den frühen Kindertagen, in denen er glücklich sein durfte. Seine liebevolle Mutter verstarb nur eine Handvoll Jahre nach seiner Geburt an einer schweren Krankheit – erzählte ihm sein Vater. Als wäre dies nicht schon schlimm genug, flüsterte ihm eines Tages ein altes Schwatzweib aus der Nachbarschaft zu, sie traue seinem Vater nicht über den Weg, seitdem die Mutter verschwunden sei. Damals war er gerade 10 Jahre alt und sein Vater der einzige Mensch, der sich leidlich um ihn kümmerte. Umso mehr schmerzte es Einrí, als der ihm seine zögerlichen Fragen nach dem Verbleib der Mutter brutal mit dem Knüppel austrieb. Seitdem lahmt sein rechtes Bein, weil die ärztliche Versorgung viel zu spät erfolgte. Das löschte seinen Kindheitstraum mit einem Schlag aus, doch die Menschen hatten zu jener Zeit eben andere Sorgen, weil ein Drache die Stadt bedrohte. Und wenn das Wohlergehen eines armseligen Jungen selbst den Vater nicht kümmert …

Mehr als einmal schlug der Vater ihn auch in den nächsten Jahren fast halbtot. Doch Einrí blieb sogar in dem schäbigen Bude, die sich in einer der übelsten Gassen versteckt, nachdem ein besonders grober Stockhieb des Vaters ihm die Sehkraft auf dem linken Auge geraubt hatte. Seit diesem Tag rufen ihn die Kinder aus den Gassen Einrí Einaug, während sie Ringelreigen um ihn tanzen und Grimassen schneiden.

Einrí war noch nie ein lebenslustiger Junge. Unter den strohblonden, zerzausten Haaren lugt ein hohlwangiges Gesicht hervor, das genauso ausgezehrt wirkt wie sein schmaler Leib. Tiefe Risse haben Narben an seinen nackten Füßen hinterlassen, wo er eine Scherbe oder einen Nagel auf dem Boden übersehen hatte. Seine grauen Hosen und das eingerissene Hemd sind längst verschlissen. Wenn er wortlos seiner Arbeit in der Näherstube beim alten Segelmacher Donnchadh nachgeht, dann stiert er verbissen auf die dicke Knochennadel, mit der er ein ums andere Mal in das feste Tuch stößt. Die Arbeit macht ihm keinen Spaß, doch lässt ihm sein Vater, der die meiste Zeit des Jahres zur See unterwegs ist, kaum genug Barschaft zurück. Für mehr als einen alten Brotlaib reicht das nicht. Deshalb konnte Einrí froh sein, dass Donnchadh ihm vor vier Monden diese Knochenarbeit gab – und vielleicht spielte doch Mitleid eine Rolle …

Am liebsten aber – und das ist auch die kurze Zeit des Tages, an dem Einrís verhärmtes Gesicht strahlt, als würde nur für ihn die Sonne ihre warmen Fühler ausstrecken – sitzt der Junge stundenlang auf der Kaimauer. Beobachtet er jedoch einmal nicht die einlaufenden Schiffe oder bedenkt die Segler nicht mit einem sehnsüchtigen Blick, so treibt er sich mitten im Gewusel ein- und ausladender Schauerleute herum. Kein Seemann, der Cuanscadan mehr als einmal mit seinem Schiff angelaufen hat, wundert sich über den humpelnden Jungen, der nicht bloß alles mit seinen wachen Augen aufnimmt, sondern gleich dazu noch tausend Fragen stellt und viel mehr Antworten erwartet.

Sein unstillbarer Wissensdurst hat etwas Gutes: Einrí weiß über jedes Schiff, das jemals am Kai des Hafens anlegte, fast mehr zu erzählen als der Kapitän selbst (der natürlich auch mit Fragen gelöchert wurde). Er kennt die Heimathäfen der Schiffe und ihre Reiserouten, ihm sind die Mannschaftsstärken bekannt, die Bauweisen der verschiedenen Schiffstypen und die unterschiedlichen Segelarten. Selbst für die Ladung interessiert er sich, und so manches Mal wird er Einzelheiten gewahr, die gar nicht für seine Ohren bestimmt sind.

Doch es ist nicht einfach, Einrí diese Vielfalt an Informationen zu entlocken. Das Schicksal hat es nicht gut mit ihm gemeint, sodass er anderen Menschen mit sehr viel Misstrauen begegnet. Er wird sein Wissen in kleinen Stücken preisgeben, und nur, solange er sich ernst genommen fühlt. Ein Versprechen wie die Mitnahme auf eine Schiffsreise aber wird lossprudeln lassen wie eine Wasserquelle.

Seit ein paar Tagen springt dem Jungen ein kleiner, zotteliger Mischlingshund mit einer ringförmigen schwarzen Zeichnung um das rechte Auge hinterher, der nicht von seiner Seite weicht und jeden ankläfft, der seinem jungen Freund zu nahe kommt. Einrí hat ihn gleich ins Herz geschlossen. Vielleicht fiel ihm das so leicht, weil der Hund gleich auf den Namen Taíbhramh hörte: Träumer.

VS=51/80 – Schiffskunde+13

[Verfasser: Karl-Georg Müller. Ursprünglich eingestellt: 06.01.2006. Geändert: 15.01.2006]

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